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Wissenwertes über Papierzerfall und Bestandserhaltung

Haben Sie sich als Benutzer auch schon einmal gefragt, warum die Universitätsbibliothek Kiel Bücher, die ein bestimmtes Alter überschritten haben, nicht ausleiht? Die Antwort ist ein Phänomen, das Bibliotheken weltweit Probleme bereitet: Papierzerfall. <a href="http://www.ub.uni-kiel.de/service/rss/papierzerfall">Lesen Sie mehr...</a>

Haben Sie sich als Benutzer auch schon einmal gefragt, warum die Universitätsbibliothek Kiel Bücher, die ein bestimmtes Alter überschritten haben, nicht ausleiht?

Weil sie wertvoll sind, könnte man denken. Aber jeder, der alte Bücher auf dem Flohmarkt kauft (oder schon einmal versucht hat, ein altes Buch zu verkaufen), wird erfahren, dass "alt" bei Büchern nicht unbedingt "wertvoll" heißt – oft bringen selbst über hundert Jahre alte Bücher nur wenige Euro.

 Vielmehr liegt es daran, dass diese alten Bücher oft ziemlich empfindlich sind – und das aufgrund einer Erscheinung, die den Bibliotheken weltweit ziemlichen Kummer bereitet, und die viele auch von zuhause kennen dürften. Oft kann man es an alten Romanen, dem Karl May der Eltern oder auch in der Familie aufbewahrten Zeitungen oder Zetteln sehen: Das Papier vergilbt, wird spröde und an den Rändern rissig. Wenn es geknickt wird, brechen Stücke regelrecht ab. Was passiert mit dem Papier? Die Antwort heißt säurebedingter Papierzerfall.

 Seit ca. 1850 wird Papier industriell aus Holzschliff oder Zellstoff angefertigt und mit neuen Leimen auf Harz-Alaun – Basis geleimt, statt wie zuvor aus Lumpenresten (Hadern) oder Flachs- bzw. Baumwollfasern (diese alten Papiere sind gegen den Zerfall viel resistenter). Das hat zwar die Herstellung einfacher und billiger gemacht, da der neue Rohstoff in viel größerer Menge verfügbar war, doch diese neue Sorte Papier enthält produktionsbedingt verschiedene Säuren und säurebildende Substanzen, die im Laufe der Zeit die Zellulose im Papier auflösen, wodurch es seine Elastizität verliert und spröde wird. Das Papier zersetzt sich quasi von innen heraus.

vergilbtes papier

Recyclingpapier ist sogar noch problematischer, denn erstens wird beim Papierrecycling ja auch wieder holzhaltiges Altpapier mitverarbeitet, außerdem verkürzt jeder Recyclingvorgang die Papierfasern und schwächt damit die innere Festigkeit des Papiers. Bücher und Zeitungen aus recyceltem Papier zeigen daher oft schon nach wenigen Jahrzehnten entsprechende Probleme.

Natürlich wird der Zerfall noch von vielen weiteren Faktoren beeinflusst, so z.B. Luftfeuchtigkeit, Lichteinfall, Qualität des Papiers oder dem Gehalt bestimmter Schadstoffe in der umgebenden Luft, aber generell sind die allermeisten Printmedien zwischen ca. 1840 – ca. 1970 mehr oder weniger intensiv betroffen.

 Und der Anteil an "gefährdeten" Medien ist enorm: 1998 kam man etwa bei einem Symposium an der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen – Anhalt in Halle zu dem wenig erbaulichen Ergebnis, dass etwa 80% der Bibliotheksbestände in unterschiedlichem Maße von säurebedingtem Papierzerfall betroffen waren – eigentlich alle, die nicht entweder vor 1840 aus dem unempfindlicheren Hadernpapier  oder in neuerer Zeit aus alterungsbeständigem, säurefreiem Papier hergestellt waren.  Auch anderswo ist das Problem präsent, in den USA z.B. wurden 1994 ganze 77 Millionen Bücher als so beschädigt eingestuft, dass sie praktisch unbenutzbar waren.

geschädigtes papier mit abgebrochenen ecken

In neuerer Zeit werden viele Bücher auf säurefreiem Papier gedruckt, das diese problematischen Eigenschaften nicht mehr besitzt. Schauen Sie einmal vorne in ein neues Buch - oft finden Sie dort Hinweise wie "Gedruckt auf säurefreiem / alterungsbeständigem Papier".

vergilbtes und neues, säurefreies papier

 Der Papierzerfall lässt sich durchaus bekämpfen: Durch geeignete Aufbewahrung kann man ihn verlangsamen, noch effektiver ist aber die Entsäuerung der Papiere. Dabei werden die Bücher mit alkalischen Chemikalien behandelt, die vorhandene Säure neutralisieren und die weitere Säurebildung stoppen oder zumindest erheblich reduzieren sollen.

Entsäuerungsmaßnahmen können jedoch nur den weiteren Verfall des Papiers aufhalten. Bereits eingetretene Schäden machen sie nicht ungeschehen, schon brüchiges Papier wird davon also nicht wieder flexibel und fest.

Auch die Universitätsbibliothek Kiel führt solche Entsäuerungsmaßnahmen durch. So läuft etwa derzeit ein Projekt mit dem Ziel, die Buchbestände der Skandinavien- Sammlung zu entsäuern, mehr Infos dazu unter:

http://www.ub.uni-kiel.de/ueber/projekte/projekt-entsaeuerung?searchterm=ents%C3%A4uerung

 Das Problem bei all diesen Maßnahmen ist aber, dass sie zeitaufwändig und teuer sind (der Universitätsbibliothek Kiel wurden z.B. dieses Jahr Fördermittel in Höhe von 96000 Euro zur Verfügung gestellt, die u.a. für Entsäuerungsmaßnahmen ausgegeben werden sollen, siehe Pressemitteilung der CAU), und dass die Bibliotheken oft einfach so viele Bücher haben, dass es weder zeitlich noch finanziell möglich ist, alle entsprechend zu behandeln. Für manche Bücher, wie Lehrbücher, die mit Erscheinen einer neuen Edition sowieso ausgesondert werden, würde es auch gar keinen Sinn machen.

So bleibt oft nur, das Fortschreiten des Verfalls von Büchern zu verlangsamen, und daher werden dann eben oft alte Bücher nur noch für die Benutzung vor Ort freigegeben, womit dann zumindest der für die Bücher strapaziöse Transport entfällt. Außerdem wären diese alten Bücher im Verlustfall meist sehr viel schwerer zu ersetzen als neuere Exemplare – nicht einmal unbedingt wegen des Preises, sondern einfach aufgrund der Verfügbarkeit, denn oft existiert nicht einmal mehr der Verlag, der um 1839 Buch X gedruckt hat.

 

 

 

Verwendete Quellen

 

Henning, Marie-Christine und Sturm, Julia (Hrsg.): Probleme der Bestandserhaltung in wissenschaftlichen Bibliotheken des Landes Sachsen-Anhalt. Beiträge zu einem Symposium der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle veranstaltet am 24.11.1998. In: Schriften zum Bibliotheks- und Büchereiwesen in Sachsen-Anhalt 78. Halle (Saale) 1999.

Im Onlinekatalog der UB

 

Willich, Petra: Bestandserhaltung als Aufgabe des Bibliotheksmanagements. Berlin 2001.

Im Onlinekatalog der UB

 

 

Erstellt am 16.07.2017

 

 

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