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Deutsche Südamerikareisende des 16. Jahrhunderts

Hans Staden und Ulrich Schmidel

Ausstellungszeit

 
vom 17.02.2004 bis 22.04.2004 Pressetexte

 

suedamerika.jpg Hans Stadens (ca. 1525 - nach 1558) Reisebericht ist das erste ausschließlich Brasilien gewidmete Buch, das in Europa erschien. Hans Staden, gebürtig aus dem hessischen Homberg an der Efze, unternahm zwischen 1548 und 1555 zwei Reisen nach Brasilien. Während der zweiten Reise wurde er 1554 bei São Vicente von brasilianischen Tupinamba-Indianern gefangen genommen und lebte nach eigenen Angaben neuneinhalb Monate bei dem menschenfressenden Stamm, der mit den Franzosen verbündet war und die Portugiesen bekriegte. Indem er sich als indianischer Schamane betätigte, kann Staden der rituellen Tötung und Verspeisung entgehen und schließlich auf einem französischen Schiff als freigekaufter Sklave über Frankreich nach Deutschland zurückkehren. Sein auf Anregung des Marburger Professors Johannes Dryander mit einem Vorwort Dryanders 1557 in Marburg veröffentlichtes Buch enthält nicht nur im Vergleich zu den frühen Berichten über Amerika erheblich erweiterte Angaben über die Kultur und insbesondere die Anthropophagie der Tupinamba-Indianer, sondern auch das erste wichtige Bildkorpus zu dem Land, darunter auch drastische Abbildungen der rituellen Tötung und Verspeisung von Gefangenen. Wenn auch die Authentizität dieser Angaben bezweifelt worden ist, angesichts der zahlreichen Quellen zur Anthropophagie dieser Stämme wohl zu Unrecht, ist sein Buch doch eines der wichtigsten Werke über Brasilien in der frühen Entdeckungszeit und hat durch seinen persönlichen Ton und die Anlehnung an eine protestantisch geprägte, die Zeugenschaft für den Glauben herausstellende Erbauungsliteratur, ein breites Publikum erreicht, wovon zahlreiche Nachdrucke Zeugnis ablegen.

Die Ausstellung zeigt zahlreiche Ausgaben von Stadens Werk, die belegen, dass sein Bericht als Quellenwerk über Brasilien in der Entdeckungszeit und als authentisches Abenteuerbuch bis heute gerne gelesen wird. Neben einer künstlerischen Aneignung seines Werks durch den brasilianischen Maler Cândido Portinari gibt es auch Verfilmungen seiner Geschichte. Das Regionalmuseum Wolfhagen, wo Staden nach seiner Rückkehr lebte, hat eine ihm gewidmete Abteilung. Kinderbücher wie die Fassung seiner Geschichte von dem Brasilianer Monteiro Lobato belegen die Popularität des Werks.

Ulrich Schmidel (1500/1510-1580/81) ist gleichsam der Gegenpart zu Stadens Werk aus dem La Plata-Raum. Ulrich Schmidel stammte aus dem niederbayerischen Straubing und reiste über Antwerpen 1534 nach Spanien, wo er sich einer Expedition in die La Plata-Region anschloss. Schmidel nahm an allen wichtigen Ereignissen der argentinischen und paraguayischen Frühzeit teil, der Gründung von Buenos Aires 1536 und von Asunción 1537. Nach einem fast zwanzigjährigen, entbehrungsreichen Aufenthalt kehrte Schmidel 1552 aus Südamerika zurück. Er zieht als einer der ersten Europäer zu Fuß von Asunción durch Brasilien bis nach São Vicente, wo er sich einschifft. Über Antwerpen und wohl Augsburg begibt er sich in seine Heimatstadt. Schmidel verfasste sein Buch wohl kurz nach seiner Rückkehr um 1554. Er selbst hat keine Anstalten getroffen, das Buch zu veröffentlichen, es kursierte in einigen Manuskripten, von denen vier erhalten sind (der Autograph in Stuttgart, Abschriften in München, Hamburg und wohl nach dem Druck entstanden in Eichstätt). 1562 muss er mit anderen Straubinger Protestanten seine Heimatstadt verlassen und lässt sich in der damals protestantisch dominierten Reichsstadt Regensburg nieder, wo er Ende 1580 oder Anfang 1581 starb.

Schmidels Buch ist ein historisches Werk über die Ereignisse, deren Augenzeuge er in Südamerika gewesen war. Die Verbreitung eines Texts über Manuskriptkopien war im 16. Jahrhundert durchaus noch üblich. Alle Druckausgaben basieren auf einer verlorenen, aber hypothetisch rekonstruierbaren zeitgenössischen Abschrift, die erste Druckausgabe stammt von dem Frankfurter Verleger Sigmund Feyerabend 1567, weitere Ausgaben von dem in Frankfurt tätigen Verleger und Kupferstecher Theodor de Bry 1597 und Levinus Hulsius Nürnberg 1599. Schmidels Buch ist eines der ersten Quellenwerke über die La Plata Region. Im 19. Jahrhundert erscheinen kritische Ausgaben der neu entdeckten Manuskripte in Stuttgart und München. Zahlreiche populäre Ausgaben des 20. Jahrhunderts lasen Schmidels Werk entsprechend der Wandlung des Genres Reisebericht hin zu einem individuellen Erfahrungsbericht als persönliches Werk, was sich in vielen Bearbeitungen zeigt, die besonders den Abenteueraspekt hervorheben. Die vielfältige Rezeptionsgeschichte wird exemplarisch an verschiedenen Ausgaben bis hin zu einer modernen Comic-Fassung auf Spanisch illustriert.

ausgewählte Illustrationen

Ausstellungskonzept:
Dr. Franz Obermeier, UB Kiel, Leibnizstr.9, 24118 Kiel,
Tel. 09431-880-5420, e-mail: obermeier@ub.uni-kiel.de

Als Begleitbuch wird empfohlen:
Franz Obermeier: Brasilien in Illustrationen des 16. Jahrhunderts, Frankfurt 2000, 25 €. Im Verkauf in der Universitätsbibliothek. Erlös zugunsten eines Buch-Restaurierungsprogramms der Bibliothek.