Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Universitätsbibliothek


Logo der UB
Benutzerspezifische Werkzeuge
Startseite Ausstellungen Buchdruck und Renaissancetheater in Spanien

Buchdruck und Renaissancetheater in Spanien

Ausstellung von Faksimilereproduktionen von dramatischen Inkunabeln und Drucken

Ausstellungszeit

vom 04.10.2002 bis 22.11.2002

Ausstellungskonzept und Exponente: Prof. Dr. Miguel M. García-Bermejo Giner in Zusammenarbeit mit dem Romanischen Seminar der CAU und CERES

 

Welche Wirkung der Buchdruck tatsächlich auf die Renaissancekultur ausgeübt hat, ist eine Frage, die bis heute nicht endgültig geklärt werden konnte. Nach wie vor stehen sich zwei Interpretationsansätze gegenüber. Während die einen seine revolutionäre Kraft, die entscheidende Veränderungen bewirken konnte, hervorheben, glauben die anderen, daß er nur dazu diente, altbekannte Ideen zu verbreiten. Tatsächlich sind beide Positionen sowohl falsch als auch richtig und eine endgültige Antwort hängt von der jeweiligen Textsorte ab, der wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Zweifelsohne revolutionierte der Buchdruck Westeuropa sowohl durch die nun mögliche Verbreitung von Ideengut als auch durch Vereinheitlichungen im Bereich der Verwaltung in Gestalt von Gesetzestexten, Formularen, etc. Auf dem Gebiet der fiktionalen Literatur hatte der Buchdruck verschiedenartige Wirkungen, auch wenn wir in sehr wenigen Fällen von einer tatsächlichen Revolution sprechen können. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, daß der Druck der Werke einiger Autoren weitreichende Konsequenzen für diese und ihre Leser hatte. Einer der deutlichsten Belege dafür ist der Salamantiner Dramatiker Juan del Encina (1468-1529), ein Exempel für sozialen Aufstieg, den er seiner Tätigkeit als Literat verdankt. Seine Bedeutung zeigt sich daran, daß noch zu Lebzeiten des Autors sein Gesamtwerk in Form eines Cancionero in Folioformat veröffentlicht wurde, in Form eines Buches also, dessen Herstellung überaus kostspielig war. Dem Beispiel Encinas folgten andere Autoren der spanischen Renaissance, die das Theater als attraktiven Bereich für sich entdecken, der ihnen die Anerkennung ihrer Zeitgenossen sichern konnte. Könige, Päpste, Adelige, Kardinäle, Bischöfe, kurz all diejenigen, die es sich leisten konnten, bemühten sich darum, einen eigenen Dramatiker zu beschäftigen, sei es zu ihrer Unterhaltung, sei es zur Durchsetzung bestimmter Interessen.

Da selbstverständlich nicht jeder das Geld für derartige Luxusausgaben aufbringen konnte, begann man mit dem Druck der sogenannten pliegos sueltos ("Einzelbögen" oder "fliegende Blätter"). Der Buchdruck war Zeuge dieser Zunahme des Interesses an der Kunst Thalias. Der Rezipientenkreis dramatischer Texte wandelte sich und ein breites Publikum begann sich für dramatische Werke höchst unterschiedlicher Thematik - von der klassizistischen Tragödie über das Mysterienspiel zur Komödie - zu interessieren. Dieses Phänomen läßt sich ungefähr zu dem Zeitpunkt beobachten, als der Dramatiker Lope de Rueda (ca. 1510-1565) mit Adaptationen der italienischen commedia dell´arte Furore machte. Mit ihm gewinnen kommerzielle Produktions- und Distributionskriterien, die sowohl die Aufführungspraxis als auch den Druck der Werke beeinflussen, für das Theater an Bedeutung. Erneut erscheinen Kompilationen der Werke einzelner Autoren, die nun in geordneter und korrigierter Form eine optimale Verbreitung des gedruckten Werkes gewährleisten sollen. Ein Beweis für diese besondere Ausrichtung des dramatischen Phänomens ist die Tatsache, daß die wenigen als Manuskripte überlieferten dramatischen Werke, die durchaus einen unschätzbaren Informationswert haben, das Produkt privater und individueller Interessen sind, d.h. sie waren als Teil des Repertoire im Besitz von Dramaturgen. Im Theater des 16. Jahrhunderts gab es keine handschriftliche Überlieferung, die derjenigen in der Welt der lyrischen Dichtung vergleichbar wäre. Dieser kommerzielle Blick auf die textliche Überlieferung ist nur ein Vorzeichen dessen, was sich erst mit der barocken Komödie eines Lope de Vega voll entfalten wird.

(Forschungsstelle zur spanischen Renaissance im europäischen Kontext)