Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Universitätsbibliothek


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Cod. ms. und Typ. Bord. - Alte Bordesholmer Handschriften und Drucke als Grundstock der Universitätsbibliothek

Ausstellungszeit

vom 23.04.2001 bis 30.05.2001


Ausstellungskonzept: Dr. Klára Erdei, Ph.D.

Bordesholmer Bestände im Internet

Presseinformation  (Wiege der Wissenschaft)


Die Universitätsbibliothek wurde als erstes Institut der Christian-Albrechts-Universität bereits 1665 im Gründungsjahr der Universität eingerichtet.

"Schon das Protokoll der vermutlich ersten Sitzung des Konsistoriums, die am 12. Oktober 1665 stattfand, enthält den Vermerk ...,Zu recommendiren die Bibliotheck', und der Theologe Franck legt Gewicht darauf, daß die Bücher ,auß allen Facultäten ...[möchten] herbey geschaffet werden, wie auch die so in duplo in der Gottörpfischen Bibliotheck wären'." (Bülck: Geschichte der Kieler Universitätsbibliothek, Eutin 1960, S. 14.)

Durch herzogliche Schenkung erhielt die Bibliothek als Gründungsbestand die Handschriften und Drucke (in damals ca. 320 Bänden) des ehemaligen Augustinerchorherrenstiftes in Bordesholm, die noch heute den ältesten Bestand darstellen. Das im schleswig-holsteinischen Raum bedeutendste Kloster, das 1127 von Vicelin gegründet, 1550 aufgelöst und 1566 in eine Gelehrtenschule umgewandelt worden war, besaß eine wertvolle Sammlung, die auch einer "academischen Bibliothek" als Grundlage dienen konnte.

So beschloß Herzog Christian Albrecht (1641-1694), die Schule, die übrigens 130 Jahre früher auch Heinrich Rantzau besuchte, 1665 zu schließen. "In einem Reskript des Herzogs an den Rektor zu Bordesholm, den späteren Kieler Professor Paul Sperling, vom 11. Juli 1665, wird dieser aufgefordert, ,mit ehistem' ein Verzeichnis der dort vorhandenen Bücher einzuschicken." (Ibid. S. 14.)

Die Bibliothek wurde in einem Saal des zum Universitätsgebäude hergerichteten ehemaligen Kieler Franziskanerklosters an der heutigen Falckstraße untergebracht, wo sie hundert Jahre blieb. Durch weitere Schenkungen wuchs der Buchbestand auf fast 2000 Bände: noch 1665 kamen 205 Bände der Kieler Sankt Nikolai-Kirche hinzu, 1667 folgten die Eutiner Sammlung des Lübecker Bischofs mit 900 und 1668 die Dubletten der Gottorfer Hofbibliothek mit 460 Bänden.

"Ganz klein durfte er [der Saal] schon deshalb nicht sein, weil von Anfang an zweitausend Bände, darunter viele Foliobände, unterzubringen waren; auch mußte auf Zuwachs Bedacht genommen werden. Überdies waren nach der Mode der Zeit außer Büchern Globen, Astrolabien und zur Naturwissenschaft gehörende Apparate ... dort aufgestellt, später allerdings in einem Nebengelaß. Als Geschenk des Herzogs und des Kanzlers von Kielmannseck zierten den Saal deren von Jürgen Ovens gemalte Bilder (jetzt in der Kunsthalle zu Kiel). Ein Arbeitsplatz für den Bibliothekar war auch nicht zu entbehren, während ein Lese- oder Arbeitszimmer für Benutzer noch längere Zeit überflüssig scheinen mochte. Über der Eingangstür standen lateinische Verse:
Heic nova panduntur nascentibus horrea Musis,
Hic locus illa bonae pabula mentis habet." (Ibid. S. 10.)

Zweihundert Jahre lang wurde die Bibliothek von Professoren der Universität im Nebenamt geführt, erst 1875 berief man mit Emil Steffenhagen den ersten Berufsbibliothekar. Er war derjenige, der die bis dahin unter die übrigen Bestände verteilten Bordesholmer Manuskripte, Inkunabeln (Frühdrucke bis 1500) und Post-Inkunabeln (Drucke des frühen 16. Jhs, 1501-1534) wieder als eine geschlossene Sammlung rekonstruierte und getrennt aufstellte. Mit "Typ. Bord." (Typographici Bordesholmenses) kennzeichnete er die Drucke, die aus Bordesholm stammten, mit "Cod. Ms. Bord." (Codices Manuscripti Bordesholmenses) wurden die Handschriften benannt.

Der Bestand, der nach einem Verzeichnis von 1488 noch 529 Bände umfaßte, wurde schon vor der Überführung nach Kiel stark gelichtet. Ein Teil gelangte bereits um 1610 zur Ergänzung der herzoglichen Bibliothek nach Gottorf, später in die Königliche Bibliothek Kopenhagen; ein großer Teil ging "infolge schmählicher Vernachlässigung" (Bülck) verloren. Die Zahl wurde später nach der Übersiedlung noch weiter dezimiert, vor allem durch Veräußerungen wegen der beständigen Geld- (und auch Raum-!) Not der Universitätsbibliothek, die diese durch ihre Geschichte stets begleitete. Heute sind 143 Handschriftenbände und 170 Druckbände mit 190 enthaltenen Werken (164 Inkunabeln, 25 Drucke des 16. Jhs und ein Druck o.J.) in dem Kieler Bestand erhalten.

Naturgemäß überwiegt die theologische Literatur, vor allem die "klassischen" kirchlichen Autoren (Augustinus, Thomas von Aquin, Bernhard von Clairvaux etc.). Aber auch das devotionale Schrifttum des späten Mittelalters, die religiösen Erneuerungsbestrebungen und meditative Praxis der "Devotio moderna" (Bonaventura, Thomas von Kempis, Johannes Mauburnus, Johannes Gerson, etc.) sind gut vetreten (der Reformkonvent der regulierten Augustiner-Chorherren trat im Jahre 1490 der Windesheimer Kongregation bei), während die Reformation, bis auf eine vorreformatorische Streitschrift gegen die Hussiten, nahezu keine Spuren hinterließ. Die nächstgrößte Gruppe bilden die philologischen und historischen Werke mit sowohl antiken (Seneca, Ovid, Aristoteles etc.) als auch mittelalterlichen Autoren. Letztere sind in der Mehrzahl, darunter auch so bekannte Humanisten wie Erasmus von Rotterdam, Aeneas Silvius Piccolomini (später Pius II.), Boccaccio und Leonardo Bruni. Jura und Naturwissenschaften sind dagegen kaum vorhanden.

Die Bordesholmer Schenkung stellt den Kernbestand der in Schleswig-Holstein größten Sammlung an alten Büchern und Handschriften dar, die bis heute in der Universitätsbibliothek bewahrt wird. Wie für viele andere, so gilt auch für die Anfänge der Kieler Bibliothek Lessings Wort, daß sie entstanden ist, nicht angelegt wurde. Durch den planmäßigen Bestandsaufbau von Generationen von Bibliothekaren entwickelte sie sich zu der 2,3 Millionen Bücher umfassenden modernen Bibliothek von heute.